Mindestens in den letzten zwei Wochen vor Schulbeginn verändert sich das heimische Familientempo dramatisch. Listen müssen abgearbeitet, Einkäufe getätigt, Wäsche gezeichnet werden. Vor allem die Hohenfelser Eltern wissen, was da die Stunde geschlagen hat: auch die letzte kleine Socke muss mit einem Namensschild versehen werden. Überall bilden sich Themen-Türme, hier die Schulsachen, dort die Regensachen, die Unterwäsche... Aber jede Kleinigkeit, die erledigt werden muss, wird begleitet von immer denselben bangen Fragen: Wie wird es sein, wenn ich nach der Anreise in die nun vielleicht ganz leere und stille Wohnung zurückkehre? Werden die Geschwister nach ihrem Bruder oder ihrer Schwester weinen? Wird die Familie dieselbe bleiben? Werden wir Eltern das Loch verkraften, das uns fortan immer sechs Wochen lang begleiten wird?
Gut, das soviel zu tun ist und gerade die verflixten Namensschilder weisen einem den klaren Weg: die Entscheidung ist gefallen, das Kind beginnt einen neuen Lebensabschnitt – ohne uns!
Der Tag der Anreise ist gekommen; klamm und still sitzt man im Auto und ein jeder ist mit seinen Ängsten und Sorgen beschäftigt. Beim Auspacken der Koffer meldet sich der Zweifel zurück. War es die richtige Entscheidung? Schließlich sind die Kleinsten im Salemer Verbund, die Hohenfelser, oft erst 10 Jahre alt! Ach, man möchte alles gleich wieder einpacken, samt dem Kind! Nachbarn, Gemüseverkäufer, Freunde, Bekannte und manchmal sogar eigene Familienmitglieder haben es ja längst gewusst: Kinder gehören zu ihren Eltern!
Jetzt heißt es, den Rest Entschlossenheit zu mobilisieren. Und dabei stellt man plötzlich fest, dass die Frage, ob ein Kind Internat-geeignet ist, völlig unzureichend formuliert war. Richtig wäre die Frage gewesen: ist unser Kind Internat-geeignet und taugen wir Eltern zu dieser Herausforderung? Too late, jetzt ist learning by doing angesagt!
Loslassen ist das Zauberwort, lebenslang. Hier wird geprobt und gelernt, beiderseitig. Denn loslassen heißt, jemanden aus einem anderen Blickwinkel zu sehen: Das Kind die Eltern, die auf einmal ganz anders wertgeschätzt werden können. Und die Eltern das Kind, denn sie werden ganz neue und unbekannte Qualitäten ihres Kindes entdecken, die durch den Einfluss des Internatslebens und aus der Sicht der dortigen Pädagogen offen gelegt werden. Ein Treibhaus!
Und das Loslassen geht weiter. Hohenfelser müssen sich, meist sehr tränenreich, nach der siebten Klasse verabschieden. Hinter den Tränen lauert natürlich schon die große Erwartung an das Neue: endlich Salem (Handy, Laptop!). Auch hier heißt es nach der 10. Klasse wieder loslassen und alle Augen sind auf den Spetzgart und den Härlen gerichtet. Ist dieser Sprung geschafft, wird sich manch einer denken: endlich am Ziel! Aber am Ende des Abschlusses heißt es wieder Abschied nehmen, dieses Mal von der Schule an sich, den Mitschülern, vom Bodensee, von Salem. Das Gepäck wird ein kunterbuntes sein, aber hinter den Tränen des Loslassens lauert schon die nächste große Erwartung an ...
Antje Dierks (Kinder auf dem Hohenfels)