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Projektfahrt Montpellier

„Eine Schule des Sehens“ oder „Inwiefern prägt der französische Süden die Wirklichkeitswahrnehmung von Dichtern und bildenden Künstlern?“

 

Nach leicht klaustrophobischen Anwandlungen im Couchette-Liegewagen des französischen SNCF-Nachtzuges erreichte unsere 19-köpfige Gruppe nach einer Reisezeit von gut 15 Stunden das Ziel: Montpellier. Von unserem Standort aus gingen wir der Themenstellung mit Ausflügen in die Umgebung nach. Die „Fontaine de Vaucluse“ mit dem Petraca-Haus, Homo Faber in Avignon, die Heimat Paul Valérys: Sète, das Musée Fabre oder die Wirkungsstätte van Goghs: Arles, dies waren nur einige unserer Exkursionsziele.

Die Wände des Petraca–Hauses sind gespickt mit den verschiedensten Bildnissen von Laura und Petraca sowie vielen Landschaftsbildern der Gegend. Petraca, der in Rom mit dem Lorbeerkranz ausgezeichnete Dichterfürst, schrieb verehrende Sonette an seine angebetete Laura.

In der Papiermühle von Vaucluse, in der handgeschöpftes Büttenpapier noch nach den Methoden des 15. Jahrhunderts erstellt wird, ging es um die Grundlage allen Zeichnens und Schreibens. Auch wir Schüler durften ein Blatt schöpfen und eines verwunderte uns dabei: „Ja und wo ist das Holz? Das geht doch nicht ohne Holz!“ Dieses Papier wird nämlich, je nach Qualität, hauptsächlich aus Lumpen oder feinstem weißen Leinen hergestellt.

Avignon, weit bekannt durch seine Brücke und den festungsartigen Papstpalast, ist aber auch Schauplatz im Roman „Homo Faber“ von Max Frisch. Der Autor platziert das heikle Thema des Inzestes an diesen Ort, da Avignon die erste Station der Reise Fabers mit seiner Tochter Sabeth auf dem Weg nach Griechenland darstellt. Der Ich-Erzähler bemüht die Mondfinsternis am südlichen Himmel, um seine Entgleisung höheren Mächten zuschreiben zu können und somit seine eigene Schuld zu verdrängen sucht.

Kaum eine Stadt ist so eng mit dem Namen eines Künstlers verbunden wie Arles. Vincent van Gogh, der im „Gelben Haus“ lebte und arbeitete, sicherte der Stadt vor allem durch die Gestaltung seiner nächtlichen Sternenhimmel und Landschaftsinterpretationen einen immer währenden Platz in der Kunstgeschichte. Im Van Gogh-Museums erlebten wir fast hautnah, dass van Gogh mit der Intensität der Farben nicht nur Landschaft interpretieren, sondern auch die menschlichen Leidenschaften ausdrücken wollte und damit zu einer Portalfigur der Moderne erklärt werden kann.

Wir waren begeistert von den verschiedenen Sichtweisen der Künstler und Dichter auf die Wirklichkeit und den Einfluss der Landschaft, in der sie lebten und arbeiteten. Mit der „Schule des Sehens“ ist uns eindringlich bewusst geworden, dass es keine Realität im eigentlichen Sinne, sondern nur eine Vielzahl subjektiver Wirklichkeitswahrnehmungen gibt.

 

Nick Deimel