Die unlängst aufgedeckten Missbrauchsfälle haben ein großes Medieninteresse ausgelöst. Die aktuelle Debatte erweckt den Eindruck, als fände Kindesmissbrauch besonders häufig in Internaten statt. In den vergangenen Tagen erreichten uns zahlreiche Anfragen, wie Salem mit dieser Thematik umgeht. Diesen Fragen kann und darf sich eine Institution wie Salem nicht entziehen.
Sexueller Missbrauch ist eine Straftat und nicht tolerierbar. Dies führt in Salem zu sofortiger Entlassung und einer Strafanzeige durch die Schulleitung. Das pädagogische Programm Salems, sein Betreuungssystem und die eingerichteten Kommunikationsstrukturen gewährleisten eine soziale Kontrolle, die das Missbrauchsrisiko minimiert. Hier sind wichtige Punkte konkret zu benennen:
In Salem wird eine hochentwickelte soziale Kultur gepflegt, die darauf abzielt, die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen zu selbstbewussten und wertorientierten Menschen zu erziehen. Die Schülermitveranwortung, insbesondere das Salemer Helfersystem und das Schulsprecheramt, nimmt Jugendliche in die Verantwortung. Nach meiner persönlichen Erfahrung nehmen viele Schüler und nicht nur die Ämterträger soziale Verantwortung umsichtig und kritisch gegenüber den Erwachsenen wahr. Sie bringen Missstände aller Art zur Sprache, und sie finden in den Gremien und bei der Leitung Gehör. Salem ist stolz auf eine angstfreie, professionelle Streitkultur.
Das Konzept der internatlichen Betreuung ist in Salem nicht so sehr auf eine familiäre Bindung angelegt. Es sieht vielmehr vor, dass die Schüler das Zusammenleben im Flügel in weiten Teilen selbständig in die Hand nehmen. Die gewählten Helfer haben in aller Regel einen genauen Überblick über die Vorgänge auf ihrem Flügel. Zudem hat jeder interne Schüler mehrere erwachsene Ansprechpartner, da die Flügel von Mentorenteams - z.T. unter zusätzlicher Einbeziehung weiterer externer Teampartner und Assistenten - geführt werden.
Seit vielen Jahren arbeiten wir erfolgreich mit einer externen Psychologin zusammen. In Konfliktfällen zwischen Schülern oder zwischen Erwachsenen und Schülern fungiert diese als kompetente, unabhängige Ansprechperson, deren Hilfe vertrauensvoll von Schülern, Mitarbeitern und der Leitung in Anspruch genommen wird. Auch unsere beiden Schulpfarrer sind den Sorgen und Nöten der Schüler gegenüber aufgeschlossen und stets ansprechbar.
Darüber hinaus pflegt die Schule eine intensive und enge Kooperation mit den gewählten Elternvertretern: Mitglieder des Elternbeirates sind in viele innerschulische Prozesse beratend eingebunden. Sie begleiten unsere pädagogische Arbeit wohlwollend und - wo nötig - mit kritischem Blick. So wurde vor zwei Jahren ein gemeinsam von Elternbeirat und Schulleitung erarbeitetes Papier zum Umgang mit Konfliktsituationen verabschiedet, das bei Grenzüberschreitungen zwischen Schülern oder zwischen Erwachsenen und Schülern Kommunikationswege festlegt und ein hohes Maß an Transparenz und Handlungsfähigkeit sichert.
Ich bin davon überzeugt, dass Salem in der Lage ist, sensibel und bewusst mit der Missbrauchsproblematik umzugehen, ohne diese zu verharmlosen. Dieser Verantwortung stellt sich Salem, und ihr werden alle Verantwortungsträger nach bestem Wissen und Gewissen gerecht.
Prof. Dr. Dr. Eva Marie Haberfellner
Leiterin der Schule Schloss Salem