Rede am 6.3.2009 zur Einweihung des Kapitelsaals in Salem, Martin Kölling
Sehr verehrte Festgäste, liebes Geburtstagskind,
dreihundert Jahre sind ein ehrwürdiges Alter, dass man Dir, ich darf Dich doch duzen, in Deiner jugendlichen Frische nicht ansieht. Dabei ist dein Alter unklar. Die Zahl 1697 über der Tür zum Aufnahmebüro markiert den Beginn des Wiederaufbaus. Ein überhitzter Ofen legte den gesamten Klosterkernbestand in Schutt und Asche. Zwischen 1707 und 1710 scheinen die ersten Mönche in Dir getagt zu haben. Zu dieser Zeit wirkte Johann Sebastian Bach in Weimar, die Cello-Suiten, die Du heute Abend so meisterlich vernimmst, entstanden nur 10 Jahre später.
Seit dreihundert Jahren also erstrahlst Du in Deinem Glanz. Ich gestehe, dass ich Dich erst in letzter Zeit richtig schätzen gelernt habe. Dein feuerfester Boden als sicheres Fundament, das ruhige Weiß der Wände und Decken und deren schlichte Eleganz, so lädst Du zur Einkehr und Konzentration ein. Die Gurtbögen und Grate der Kreuzgewölbe, welche in vier Deckenspiegeln münden, künden von einer strengen Ordnung, die durch Akanthusstuck belebt wird. Und in Deiner Stilsicherheit deutest Du Sinnenfreude bloß an. So stoßen die Gurtbögen und Grate auf zehn von Putten dekorierte Gesimsstücke. Nur die äußeren Deckenspiegel sind mit Blüten- und Fruchtgebinden ausgeschmückt.
Heute sind auch alle 38 Mönche Deiner ersten Jahre mit Prior und Abt gekommen: Dort auf der Schautafel, auf dem roten Bild.
Du warst der einzige Raum im inneren Klosterbezirk, wo gesprochen werden durfte. Hier wurde auf die hoch ausgebildete Fingersprache verzichtet. Oft gehe ich durch den Kreuzgang an der Äbtegalerie entlang - und verstehe deren auffordernde Gesten zur Meditation nicht. Du hörtest außerordentlich gebildete Menschen, viele in Leitungsfunktionen in diesem auch weltlich bedeutenden Klosterstaat. Erinnerst Du Dich, in welcher Atmosphäre regelmäßig der Abt die beiden Kapitel, die Hauptbücher, der Bibel und der Ordensverfassung in die Hand nahm, wie sich die Mönche durch gemeinschaftliche Lesungen in ihrem Glauben gestärkt und zu innerem Ausgleich gefunden haben? Erinnerst Du Dich an die feierlichen Rituale, die die Gemeinschaft stärkten, als über Neuaufnahmen entschieden wurden und neue Mitglieder durch die jahrelange Schulung unter der Gemeinschaftsordnung zu innerer Freiheit gelangten? Und erinnerst Du Dich an die insgesamt fünf festlichen Höhepunkte in den hundert Jahren bis zur Klosterauflösung, wo die Mönche jeweils den Treueeid für den lebenslang gewählten Abt abnahmen?
Wie laut mag es hier zugegangen sein, welches eisige Schweigen herrschte, als einzelne Mönche gegen den barock regierenden Abt Anselm rebellierten, als dieser abgesetzt und wieder eingesetzt und vier Patres relegiert wurden. Ja, Du erinnerst Dich auch an gemeinsame Rechtsgeschäfte von Kapitel und Abt. Hier wurde über den Verkauf von Gütern beraten, um die Gemeinschaft langfristig auch äußerlich abzusichern.
Jahrhunderte lang prägte dieser Dreiklang die Atmosphäre dieses Raumes: Du warst ein Zentrum der persönlichen Selbstvergewisserung, der inneren Stärkung der Klostergemeinschaft und ihrer äußeren Absicherung. Immer wieder wurde gemeinsam darum gerungen, das Mönchsleben auf das Wesentliche zurückzuführen. Die innere Freiheit zu gewinnen, indem ich mich der Klosterregel unterordne, die äußere Freiheit zu gewinnen, indem ich eine Selbstversorgerwirtschaft betreibe, welche auch den Menschen der Umgebung zu Gute kommt.
„Ora et labora“ bildeten eine Einheit. In dieser Tradition stand auch der Salemer Schulstaat. Gerade Prinz Max erinnerte Hahn, dem zunächst eher abgeschottete „Zwingburgen“ vorschwebten: „Vergessen Sie nie, Sie stehen hier auf heiligem Zisterzienserboden. Die Zisterzienser wirkten hier als Landwirte, Förster, Handwerker, Ärzte, Lehrer und Berater in allen Lebensbezirken. Wollen Sie Gutes in der Umgebung wirken, dann müssen Sie Gutes von der Umgebung empfangen. Die Jugend, die in Salem aufwächst, sollte diese gottbegnadete Gegend sorgsam erkunden, ihre Geschichte, ihre Natur, ihre Kunstwerke, ihre sozialen Gegebenheiten. Wichtiger als der Handwerksunterricht in der Schule ist die Berührung mit den guten Handwerkern des Tals in ihren Werkstätten… Salem möchte dazu beitragen, eine Brücke zu schlagen zwischen der Welt des Denkens und der Welt des Handelns.“
Und so erblühtest Du von Neuem. Du wurdest nun zum Hauptkapitel des neuen Schulstaates, dem Schulparlament. Wusste die Farbentragende Versammlung eigentlich, wie sehr sie in der jahrhundertealten klösterlichen Tradition stand? Wo sich der Konvent aus berufenen Wächtern mit der Führung über den Bestand innerer Werte und das Gemeinschaftsleben verständigte, wo diese Werte der Wahrhaftigkeit, des Muts und des Gemeinsinns durch die selbst gewählte Unterordnung unter die gemeinsamen Regeln bewusst erfahren und verteidigt wurden, wo die Farbentragenden selber durch ihr selbstdiszipliniertes Vorbild die Gemeinschaft stärkten und die ‚Novizen’ heranbildeten.
Und so wie die Mönche nach langjähriger Probezeit ihr Gelübde auf die Werte und Regeln des Ordens ablegten, so bekannten die erwählten Schüler: „Die Farbentragenden haben darüber zu wachen, dass Salem keinen Schaden nimmt an Ehre und Gesittung. Sie hüten die Salemer Gesetze und sollen mehr von sich fordern als von anderen. Es ist ihre Aufgabe, die Schwachen zu schützen und die Gewalttätigen zu hindern. Salem muss in jedem Fall auf sie rechnen können, denn sie tragen die Farben und sind Vertreter der Schule nach außen und innen. Wer glaubt, in der steten Bemühung um die Erfüllung dieser Forderungen nicht durchhalten zu können, soll die Farben ablehnen, wenn sie ihm angeboten werden.“
Welche politische Kraft aufgrund innerer Stärke die Farbentragende Versammlung zur Verteidigung ihrer Freiheiten und Grundwerte entfaltete, zeigte die Zeit der Anfechtung und Bewährung der Schule 1933 und 1934, wo die Zahl der Abmeldungen die Schülerschaft fast halbierte und die HJ in die Schule zu spalten versuchte. Mutig stellte Salem sich gegen den Ungeist der Zeit. Du konntest in diesem Raum die Stecknadel fallen hören: „Ich weigere mich die Farben anzunehmen, so lang ich nicht weiß, was mit den Farbentragenden geschieht, die nicht ganz arisch sind.“
Geduldig ertrugst Du seit 1973 bis zum letzten Jahr das Schweigen in Deinen Wänden. Die Schulbibliothek zog ein. Nicht mehr die Absicherung der selbst gewählten Werte standen im Zentrum, sondern die Selbstaufklärung durch das Studium, die dazu befähigt. Wie sagte ein republikanischer Zeitgenosse zur Zeit der Französischen Revolution: „Der edel aussehende Pater Bibliothekar räsonierte sehr vernünftig über Gegenstände der schönen Künste … Hier sind alle Bücher zu lesen erlaubt. Hier ist man über alle Vorstellungen tolerant.“ Ja, lieber Kapitelsaal, Salem ist ein geistiges Zentrum in zweifacher Hinsicht geblieben. Früher stand im Konvent die erste zisterziensische Druckerei überhaupt. 60.000 Bände enthielt die Bibliothek. Heute ist die Bibliothek in den Langbau umgezogen, vernetzt mit den Lernzentren und durch Computer vernetzt mit den Bibliotheken der Schule und dem Wissen der Welt. Früher schickte Salem seine Mönche zu den besten Universitäten und unterhielt ein eigenes Gymnasium mit 80 bis 100 Schülern. Der Junibau war eine Schule – und ein Weinlager. Der letzte klösterliche Neubau, das Rentamt aus dem Jahr 1791, war ein modern ausgestattetes Internatsgymnasium. Auch hier liegen die Parallelen auf der Hand.
Nun lieber Kapitelsaal, mit Interesse stellst Du fest: Die Zeit des Schweigens ist vorbei. Es wird wieder diskutiert und debattiert in Deinen Räumen.
Du mit Deiner jahrhundertealten Erfahrung, meinst Du, Dr. Bueb hat doch recht, wenn er immer wieder davon spricht, Salem sei ein weltlicher Orden auf Zeit. „Weltlich“, weil er ohne „geistliche“ Konfession auskomme, „Orden“, weil er als Lebensform eine intensive Bindung an Werte und Regeln nahe lege und „auf Zeit“, weil Salem sich als erziehende und bildende Institution selber überflüssig mache, wenn die Schüler erwachsen geworden sind, wenn also die von außen prägenden Kräfte der Schule Teil der eigenen inneren Selbstbestimmung geworden sind? Oder meinst Du, Salem sei eine weltoffene, generationenübergreifende internationale Gemeinschaft. Seine Bildsamkeit bestehe gerade im Aushandeln der aufeinander treffenden Vielfalt, die den Einzelnen durch Bewährung und Anerkennung stärke. Auf diese Weise würde der Wert dieser Gemeinschaft erfahren und gemeinsam geschätzt, um sie schließlich, auf diese Weise kultiviert, zu verteidigen. Salem eher Gärtner als Töpfer? Du schüttelst den Kopf, falsche Gegensätze. Eher gegenseitige Bedingung, so wie sie Jahrhunderte zuvor gegolten haben. Wir Zisterzienser konnten uns entfalten, weil Tradition und Erneuerung in einem fruchtbaren Spannungsfeld standen. Das Leben nach unserer Ordensregel war so attraktiv, dass stets neu gestandene Menschen ins Kloster traten, nach ihr strebten und so gestärkt und geeint auch neue Zisterzen gründeten. Auf diese Weise wurden wir eine dynamische europäische Bewegung aus Einzelgemeinschaften. Wir waren vernetzt durch regelmäßige Kongresse, Besuche und gestärkt durch die einigende Klosterverfassung. Wir Zisterzienser waren also weder elitär noch weltabgewandt.
Die Ähnlichkeiten zu den Hahnschen Schulgründungen sind offenkundig. Hahn sagte 1954, Salem sei keine Schule, sondern eine Bewegung. Ihren weltweiten Erfolg können Sie in der hinteren Vitrine betrachten. Und auch die aus der Erfahrung der Mönchsgemeinschaft entwickelte Verfassung findet ihre Entsprechung in den Salemer Gesetzen. Hahn notierte sie 1930, um in den USA Stipendien einzuwerben. Deshalb hatte er sie zu illustrierten Folianten einbinden lassen. Dort vorn in der Vitrine stehen zwei von ihnen. Die Salemer Gesetze entwickelten sich durch die Erfahrung des Zusammenlebens. Die Regeln entfalten ihre Kraft nicht durch normative Anwendung, auch dies eine Erfahrung der Salemer Schulgeschichte, sondern durch stets neu erarbeitete Aneignung. Offenkundig haben die 7 Salemer Gesetze eine grundsätzliche Bindewirkung. Sie prägen das Zusammenleben in Salem, Gordonstoun, Louisenlund und an den United World Colleges.
Hahn nannte seine Schulen Laboratorien der Wertevermittlung durch verantwortliches Tun. Sie sollten, wie die Klöster auch, der Öffentlichkeit dienen. Seine Werkstätten antworteten auf historische Zäsuren radikal und mutig mit neuen Konzepten, welche durch Erfahrung die bisherigen Grundregeln absicherten. 1919 antwortete der Salemer Schulstaat auf das politische Versagen der alten Eliten, in der Hoffnung auf charakterlich führende Staatsbürger. 1933 vertiefte Hahn diesen Ansatz in Gordonstoun. Er setzte auf die erlebnis- und friedenspädagogische Kraft der Dienste in enger Zusammenarbeit mit der Region. Die so erweckten Kräfte des Erbarmens sollten stärker sein als die Konfliktlösung durch Gewalt. Das Einstehen in der Not sollte nationalistische Gegensätze überwinden. Nach 1945 entfaltete Hahn diesen Ansatz, indem er dem Kalten Krieg in den Köpfen mit einer Erziehung zu internationalem Staatsbürgertum begegnete, in Netzwerken von United World Colleges. Was hätte er aus dem Jahr 1989 gemacht, was aus dem Jahr 2001?
Zu wenig ist uns bewusst, dass immer neue ‚Zisterzen’ entstanden und entstehen, etwa im Hinblick auf das IB, die United World Colleges, die Round Square- und Outward Bound-Schulen oder im Hinblick auf die Leistungsabzeichen. Viele dieser Ideen entstammen Salem. Sie kehrten oft, als Konzepte weiterentwickelt, bereichernd nach Salem zurück. Weißt Du, wie viele davon hier bei Dir ausgehandelt und ausgewertet wurden? Nur zwei Beispiele möchte ich nennen. Die Outward Bound-Idee enstand durch die Finnland-Expedition Marina Ewalds 1925. 1954 entsprangen der Kephallonia-Erdbeben-Hilfe die Idee der Atlantic-World-Colleges und der Round Square-Schulen.
So kraftvoll und vielfältig wie kaum zuvor steht Salem nun in Deinem Raum. Es bewahrheitet sich Hahns Wunsch von 1962: „Salem soll anders werden als in meiner Zeit. Aber Grundlagen sollen erhalten bleiben.“ Und ich höre Dich, lieber Kapitelsaal flüstern, diese Grundlagen bleiben nur erhalten, wenn sie stets neu erworben werden. Was im Klosterstaat galt, gilt auch heute. Von 1928 bis 1966, stets wiederholte Hahn seine Vorstellungen des Schulstaates: den führenden Schülern Aufgaben zuzuweisen, bei denen zu versagen „den Staat gefährden“ heiße. Ob 1920, 1934 oder 75 Jahre später, an der Herausforderung, diese Aufgaben mutig zuzuweisen, hat sich nichts geändert. Aufgaben gestalten, nicht verwalten!
Die Jahre der Schule haben Dich jung erhalten. Du würdest sagen, zisterziensische Traditionen in modernem Gewand. Nun näherst Du Dich, lieber Jubilar, Deinen Ursprüngen wieder. Die feine Spannung, die Dich äußerlich kennzeichnet und die Dich immer wieder innerlich lebendig erhalten hat, sie wird seit heute neu belebt. Insofern, lieber Kapitelsaal, feiere Deine Wiedergeburt: behutsam erneuert, den alten Werten treu, den modernen Bedürfnissen angepasst. Sei der Zukunft zugewandt ein Ort der Einkehr und Selbstvergewisserung, ein Ort der anregenden Diskussion und tragfähigen Entscheidungen und ein Ort des kultivierten Genusses.
Herzlichen Glückwunsch!