26.11.09
"Theater zu spielen bedeutet für mich, die Lebensrealität einer anderen, einer fiktiven Person zu erfahren und diese mit meiner eigenen abzugleichen.", sagt
Johannes Hallermeier, Schüler der 12. Klasse des Salem International College
(SIC) in Überlingen.
Über Wochen hinweg haben hier die Schüler des Abschlussjahrgangs des International Baccalaureate (IB2) im Fach "Theatre Arts" verschiedene Einakter einstudiert und Teile selbst geschrieben. Am heutigen Donnerstag beginnen die Aufführungen in der Aula des Campus Härlen.
Der Einakter ist traditionell ein kurzes Stück, das sich häufig mit einer Konfliktsituation beschäftigt und diese ausschnittartig skizziert. Zum Beispiel das selbstgeschriebene Stück von Adrian Gonzalez, Schüler des IB2: eine Frau
steht kurz vor der Heirat mit Max, doch weiß sie nicht, dass dieser eigentlich
schwul ist und sich in ihren Bruder Daniel verliebt hat. Aus dieser tragischen
Grundsituation heraus entwickelt sich ein Stück rund um die Frage nach der
Liebe. Hauptdarstellerin Erika Arnold, 13. Klasse, bewundert, mit wie viel Aufwand und Mut der 18-jährige Adrian
Gonzalez das Stück geschrieben hat: "In diesem zehnminütigen Theaterstück steckt enorm viel Aufwand, insbesondere, weil es sich eines solch anderen, weil
tabubesetzten Themas annimmt. Dazu gehört schon ziemlich viel Mut."
Ebenfalls viel Arbeit hat Simone Stern (IB2) in ihre Inszenierung gesteckt: "Es
ist das erste Mal für mich, dass ich Regie bei einem Theaterstück führe. Es ist
unglaublich interessant, sich mit dem Gesamtbild eines Stückes auseinander
zusetzen." Licht, Bühnenbild, Kostüme, bis ins letzte Detail müssen die angehenden Regisseure sich das Theaterstück vergegenwärtigen und in Anweisungen an ihre Darsteller umsetzen. Die Liebe spielt auch in Simone Sterns Stück "Cover" eine große Rolle. Aus einer Dreierkonstellation zwischen einem Paar und einem gemeinsamen Freund entwickelt sich ein Liebesdrama mit
perfiden Verstrickungen, Lügengebilden und einer beklemmenden Stimmung.
Doch auch heitere Einakter sind Teil des bunten Potpourris, das die Schüler
auf ganz unterschiedliche Art gestalten und angehen. Eines darunter ist "Der
Dorftrottel von Helsingör", eine österreichische Parodie auf Hamlet. In den
verschiedensten Dialekten werden die Figuren Shakespeares aufs Korn genommen.
Neben Spaß und ernsten Erkenntnissen hat das Theaterspielen auch ganz praktische Auswirkungen die Jugendlichen, sagt Erika Arnold: "Wenn man auf der Bühne steht, gewinnt man auch für den Alltag ein ganz neues Körpergefühl.
Man entwickelt einen Sinn für die eigenen Stärken und Schwächen." Für Gregor
Troubat, der den Horatio in "Der Dorftrottel von Helsingör" spielt, ist besonders
der Entstehensprozess der Stücke spannend: "Bei den Proben entwickelt sich eine ganz eigene Gruppendynamik. Durch die intensive Zusammenarbeit lernt man sich von ganz anderen Seiten kennen, nicht nur so, wie man sich schon aus dem Unterricht kennt."
Doch nach den vielen Proben, Diskussionen und Erkenntnissen freuen sich
die Schüler und ihr Lehrer, der Regisseur und Schauspieler Keith LeFever,
nun auf den eigentlichen Kern des Theaters: die Aufführungen.
Jonas Rosenbrück
Ein Bericht des Südkuriers vom 26.11.2009