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10.12.09

Mehr als neu gestrichene Wände hinterlassen

Hilfe im fernen Indien: Eine sechsköpfi­ge Schülergruppe der Schule Schloss Salem begab sich auf die Spuren des Sa­lemer Vereins "Kutumb -Familie für Benares, Indien". Im Rahmen eines In­dien-Aufenthalts arbeiteten die Jugend­lichen in dem Schutzhaus für Waisen-und Straßenkinder mit, das der Verein in der indischen Millionenstadt trägt. Ih­re Erfahrungen hat Katharina Czerwens­ky in einem Erlebnisbericht festgehal­ten.


Mitte Oktober hieß es für sechs von uns Salemer Schülern sowie zwei Lehrer und unsere Schulleiterin, Frau Haber­fellner, auf nach Indien. Was uns dort wirklich erwarten und wie uns diese Zeit verändern würde, das wussten wir nicht. Zunächst einmal stand uns nur ei­ne sehr lange Reise bevor, bis wir im in­dischen Ajmer ankamen, wo zu Beginn eine Round-Square-Konferenz stattfand. Round Square ist eine Organisation, der weltweit über 170 Schulen angehören. Alle haben den Auftrag, Spenden zu sammeln, die für einen guten Zweck eingesetzt werden.


Während der Konferenz lebten wir in einem indischen Elite-Internat, dem Ma­yo College. Bei fünf Mahlzeiten am Tag, unzähligen Sportfeldern und einer Vielzahl von Bediensteten hätte man leicht vergessen können, in welchem Land man sich befindet -wenn es nicht Bettler am Straßenrand vor dem Ein­gangstor des sonst umzäunten Geländes gegeben hätte.


Als die hochkarätige Konferenz zu Ende war, in der uns immer wieder erzählt wurde, dass Indien eine der fortschritt­lichsten Demokratien sei, reisten wir weiterins nord-östliche Varanasi (Benares) und lernten die Armut im Land kennen. In der Millionenstadt am Ganges fand unser Projekt im Schutz-haus für sozial schwache Kinder statt. Sozial schwach, das bedeutet in Indien Waise, verlassen oder misshandelt, krank oder ohne jede Perspektive auf ein glückliches Leben. Etwa 20 Kinder von zwei bis 14 Jahren leben in einem kleinen Haus am Rande des Bahnhofs-Slums, zusammen mit einem indischen Arzt und seiner Frau, die diese Initiative gegründet haben. Den Kindern wird Zu­flucht, Nahrung und Unterricht geboten, sowie die Chance, aus dem Teufelskreis der Aussichtslosigkeit herauszukommen und später vielleicht sogar ein selbst­ständiges, gutes Leben führen zu kön­nen.


Die meisten der Kinder im Schutzhaus haben schreckliche Geschichten zu er­zählen: Sunny, 14, dessen Bruder Dro­gendealer und HIV-infiziert ist. Shejadi, 16, ist in früher Kindheit an Polio er­krankt und ab der Hüfte gelähmt. Su­hail, 6, dessen Mutter Prostituierte ist und nicht genug Geld verdient, um ihren Sohn zu ernähren. Mansi, die misshan­delt und verstoßen, bettelnd am Bahn­hof gefunden wurde. All diese Kinder bekommen eine neue Chance bei Ku­tumb. Außerdem etwa 80 weitere Kin­der, die täglich Unterricht in Englisch, Mathe und Hindi erhalten. Auch Slum-Frauen bekommen durch Nähkurse die Möglichkeit, selbst etwas Geld zu ver­dienen und so Selbstvertrauen und Le­bensqualität zu gewinnen.


Wir konnten in der kurzen Zeit viel er­reichen: zum Beispiel alle Wände über zwei Stockwerke neu streichen und kin­derfreundlich dekorieren. Es wurde alles von oben bis unten geputzt und damit wollten wir unsere selbstverständlichen Hygienegrundsätze vermitteln. Von un­seren gesammelten Spendengeldern konnten wir der gelähmten Shejadi einen Rollstuhl schenken oder mit allen Kindern einen Picknick-Ausflug ma­chen.


Trotz dieser Erfolge haben wir immer wieder sehen müssen, wie erbärmlich die Umstände im Land sind. Es gibt kei­ne Trinkwasseraufbereitung. Das Lei­tungswasser ist ungefiltertes Grundwas­ser. Wenn man bedenkt, dass es keiner­lei Müllentsorgungssystem gibt und je­der Abfall auf die Straße geworfen wird, wundert man sich weniger über die vie­len Krankheiten, die unter der indischen Bevölkerung herrschen.


Jeden Tag sahen wir, wie Kühe, Schweine und Ziegen, ohne Besitzer, in der Innenstadt zwischen dem Müll la­gen, ihn fraßen oder durch ihre Exkre­mente weiter besudelten. Direkt dane­ben haben Menschen ihre Stände oder gar Nachtlager aufgeschlagen. Oft be­gegnet man Bettlern, Verstümmelten, Leprakranken.


Mich hat diese Reise einiges gelehrt: zum Beispiel, dass man die Dinge, die einem gegeben sind, viel mehr zu schät­zen wissen sollte. Außerdem habe ich gelernt, dass arm sein nicht bedeutet, kein Geld zu haben, und dass reiche Menschen, oft ärmer sind als solche, die nichts besitzen. In Varanasi habe ich viele arme Leute getroffen, die trotz ih­rer Lebensverhältnisse glücklich sind und sich von Herzen freuen können, über kleine Geschenke ebenso wie über Aufmerksamkeit und Zuneigung. Schon kleine Gesten und geringe Aufwendun­gen können hier Großes erreichen. Da­her wollen wir über diese Zeit hinaus helfen." 


Katharina Czerwensky


Ein Bericht des Südkuriers vom 08. Dezember 2009

 
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