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19.07.10

Die EU und der Türkei-Beitritt: Nicht Problem, sondern Aufgabe?

Das Thema der 6. Epoche im GWG-Unterricht der 10. Jahrgangsstufe war die EU allgemein. In das Studium wurde der Aspekt „Soll die Türkei der EU beitreten?“ ausgelagert und klassenübergreifend behandelt. In einer ersten spontanen Abstimmung des Jahrgangs über diese Frage ergab sich ein eindeutiges Ergebnis gegen eine Aufnahme. Der folgende Unterricht sollte nun dazu beitragen, fundierte Kenntnisse sowie Fakten zu erwerben und differenzierte Meinungen kennen zu lernen, um die erste Reaktion nochmals abzuwägen und zu einem begründeten Urteil zu finden.

 

Hierfür wurden zunächst Interessensgruppen gebildet, die sich mit unterschiedlichen Themen beschäftigten: Menschenrechte, Wirtschaft und Politik, Geschichte der Türkei, geostrategische Aspekte, Kultur, Religion (Christentum – Islam - Fundamentalismus), Rollenverständnis von Mann und Frau, Begriff der Ehre und Kurdenproblematik. So wurde zur Beantwortung der Zielfrage wichtiges Grundlagenverständnis präsentiert.

 

Nach dieser Arbeitsphase wurde der Jahrgang in neue Arbeitsgruppen unterteilt. Es wurden die im Bundestag vertretenen Parteien gebildet, um in der letzten Stunde in einem Planspiel aus deren Sicht Stellung zu der Leitfrage  „Soll die Türkei der EU beitreten?“ zu nehmen.

 

Um nicht nur Informationen aus Büchern und dem Internet zu erhalten und das Thema realistisch einschätzen zu können, wurde nach der CDU-Abgeordneten im EU-Parlament, Frau Jeggle, auch Herr Ögütcü, ein Mitglied der deutsch-türkischen Gesellschaft in Deutschland, zu einem Vortrag eingeladen.

 

Hierbei konnten wir erste kontroverse Meinungen und Begründungen für ein Für und Wider kennen lernen. Während Frau Jeggle v.a. auf das vierte Kriterien der Aufnahmebedingungen verwies und die EU im Augenblick für einen Beitritt politisch und wirtschaftlich noch nicht für reif genug erachtete, sprach sich Herr Ögütcü für einen Beitritt aus. Sicherlich ist dies nicht nur auf seine eigene Biographie, sondern auch auf seine Engagement in der deutsch-türkischen Gemeinschaft zurückzuführen. Herr Ögütcü wanderte 1976 aus der Türkei nach Deutschland ein, um an der FH Konstanz zu studieren. Heute arbeitet er bei ZF in Friedrichshafen und wohnt in Deisendorf, was zu seiner zweiten Heimat geworden ist. Da er der Minderheit der Aleviten angehört, hatte er es in seinem Heimatland nicht immer leicht. Auch deshalb bemüht er sich in der deutsch-türkischen Gesellschaft Treffen, Feste und Veranstaltungen zu organisieren, um die türkische Kultur mit ihren Traditionen in Deutschland zu bewahren. Ein besonderes Anliegen seinerseits stellt die Integration dar, die vor allem durch Bildung und Ausbildung der Jugendlichen garantiert werden könne. Den EU-Beitritt der Türkei sieht er als durchaus wünschenswert an, da die Türkei als Brücke zwischen Orient und Okzident fungieren könne. Jedoch räumte er auch ein, dass dafür auf Seiten der EU mehr Toleranz für die türkische Lebensweise und deren Rituale notwendig sei. Sein eigenes Land müsse aber noch mehr Rechtsstaatlichkeit und Demokratie garantieren. Herr Ögütcü sieht die Türkei dabei  auf einem guten Weg, weshalb er dies nicht als Problem betrachtet, sondern als Aufgabe, die gemeinsam bewältigt werden müsse.

 

In der letzten Studiumsstunde schloss sich der Kreis allen Arbeitens im Planspiel. Danach führten wir im Jahrgang nochmals eine Abstimmung durch. Das Ergebnis hatte sich im Vergleich zum Anfang der Epoche zwar nicht gravierend verändert, jedoch differenziert. Das klare „Ja“ und „Nein“ wurde an Bedingungen und eine sachliche Argumentation geknüpft.

 
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