17.05.10
Ein schmales Bett, eventuell ein Nachtkästchen, ein paar Regalbretter im Schrank. Dazu der Boden unter dem Bett, die Decke darüber und die Wand dahinter. In und auf dem Nachtkästchen und unter der Matratze das, was Privatbesitz ist: ein paar Kleidungsstücke, Zigaretten, ein paar Fotos, Stofftiere, ein bisschen Geld...
Das Ganze in einem riesigen, freudlosen Gebäudekomplex, der von langen,
trostlosen Korridoren durchzogen wird - wir sprechen vom psychoneurologischen Internat Nummer drei, auch PETERHOF genannt, wegen seiner Nähe zur prachtvollen Sommerresidenz der Zaren am Finnischen Meerbusen.
In diesem Internat , dem Peterhof, leben mehr als 1000 Menschen zwischen 18 und 85 Jahren in Schlafsälen für 10 bis 16 Personen. Männer und Frauen mit zum Teil sehr schweren körperlichen und psychischen Erkrankungen, in einer eigenen Welt ,abgeschottet vom Leben draußen.
In Russland ist es auch heute noch immer fast unmöglich, einen behinderten Menschen zu Hause zu betreuen, da es kaum staatliche Unterstützung gibt und die Eltern Geld verdienen müssen. Behinderte Kinder kommen in Säuglingsheime, dann in Kinderheime und bei Volljährigkeit in Internate wie den Peterhof
Im PETERHOF sind die Bewohner auf 11 Abteilungen verteilt ,in denen jeweils zwischen 70 und 150 Personen leben. Jede Abteilung wird von einem Arzt geleitet, der in der Regel vor allem Medikamente verschreibt. Des weiteren arbeiten in den Abteilungen unmotivierte Krankenschwestern , die selbst unter der schlechter Bezahlung und dem Personalmangel leiden, z.B. häufig 24 Stunden-Schichten machen müssen.
Die behinderten Menschen werden in den Internaten zwar mit dem Elementarsten versorgt, doch erfahren sie in der Regel kaum Zuwendung , keinerlei Anregungen und praktisch keine Möglichkeiten, sich in irgendeiner Weise zu entwickeln und dadurch ihre Stärken zu erfahren.Sie leben verlassen und vergessen ein trauriges, bewegungsloses , menschenunwürdiges Leben viele Jahre bis zu ihrem Tod.
Glück haben die Bewohner der zwei Abteilungen , die vom Verein PERSPEKTIVEN betreut werden. Sie haben meist schon eine Förderung durch den Verein im Kinderheim PAWLOWSK erfahren und genießen auch weiterhin Fördermaßnahmen und Therapien im Peterhof.
PERSPEKTIVEN finanziert russische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die eine Handarbeits- und Holzwerkstatt betreiben und eine Art Schule anbieten. Hier können Heimbewohner individuell gefördert werden, im Kunstraum gemeinsam malen, Theater spielen, tanzen und musizieren oder in der kleinen Küche Mittagessen für die Mitarbeiter kochen. Sie erfahren ihre Grenzen und vor allem ihre Stärken - und sie lernen , alles, was ihnen möglich ist, selbstständig zu erledigen. Sie werden in alle Lebensprozesse aktiv integriert und erfahren zum ersten Mal eine persönliche Wertschätzung. In den von PPERSPEKTIVEN betreuten Abteilungen arbeiten darüber hinaus deutsche und russische Freiwillige (soziales Jahr). Sie ermöglichen eine intensivere, zugewandte Betreuung , gehen mit den Bewohnern spazieren, machen kleinere Ausflüge usw.
Seit 7 Jahren besuchen Schüler aus Salem in den Osterferien für 10 Tage den PETERHOF und unterstützen die Freiwilligen bei ihrer Arbeit. Sie helfen einerseits beim Verrichten alltäglicher Notwendigkeiten wie Zähneputzen , Waschen, Anziehen, Essen - und sie ermöglichen ein paar Highlights, die normalerweise nicht möglich wären: z.B. ein Ausflug in die Eremitage oder eine Besichtigung des Schlosses Peterhof, ein kleines Musikfest am Wochenende. Auch werden kleine Projekte wie das Bemalen von Ostereiern, das Plätzchenbacken oder das Batiken von T- Shirts organisiert.
Das Wichtigste bleibt dabei ganz sicher das liebevolle Zusammensein mit den behinderten Bewohnern.
Da wir gesehen haben, was der Verein PERSPEKTIVEN für die Menschen im Peterhof bewirkt hat und noch bewirken kann, wenn er die finanziellen Mittel dazu hat , danken wir allen Spendern heute für den Lauf GANZ, GANZ herzlich dafür, dass sie sich bereit erklärt haben zugunsten von PERSPEKTIVEN und so zugunsten der Behinderten zu spenden.
Vielen, vielen Dank!!!
Johannes Hallermeier