26.03.10
Der frühere Bundesminister Klaus Töpfer hat vor etwa 200 Schülern des Salem International College gesprochen. Im Anschluss an seine Rede stellte sich der Umwelt- und Energieexperte den Fragen der Jugendlichen. Fazit: Engagement lohnt sich
Beinahe drei Jahre hat es gedauert, bis der viel beschäftigte Politiker dem Ruf des Salemer Internats folgte. „Im nächsten und übernächsten Kalenderjahr ist nichts zu machen”, wurde die Stufenleiterin Dagmar Berger damals vertröstet. Kein Wunder, die bisherigen Arbeitsplätze des CDU-Mannes sind hochkarätig: Bundesminister für Umwelt, UN-Generaldirektor in Nairobi -- um nur die beiden wichtigsten Stationen zu nennen. Am Mittwochabend war er endlich da: Klaus Töpfer referierte über den Anstieg der Weltbevölkerung und seine Folgen.
Mit Witz und Charme und Anekdoten zog er seine Hörer schnell auf seine Seite: So habe er Kofi Annan, der ihm zuvor den Job als UN-Generaldirektor angeboten hatte, geantwortet: „Am Englisch scheitert’s nicht.” Im Kabinett Kohl sei er stets der zweitbeste Sprecher gewesen. „Der beste war übrigens nicht der Kanzler”, merkte Töpfer süffisant an.
Das Leben in Afrika hat Töpfer sichtlich geprägt. Er habe sich fast wie im Gefängnis gefühlt, alles sei mit Stacheldraht gesichert gewesen. „Das war der Platz, an dem mir klar wurde, dass wir keine friedliche Welt haben werden, wenn wir diese Probleme nicht lösen können.”
Der Experte plädierte für die Änderung einiger Verhaltensweisen. Er stellte die provokante Frage, ob „wir ein permanentes wirtschaftliches Wachstum wirklich brauchen.” Er verwies auf den kleinen Himalaya-Staat Bhutan, in dem der frühere König das Bruttosozialprodukt durch das Bruttosozialglück ersetzen ließ.
Traum vom „Green New Deal”
Nach seiner Rede eröffneten Erika Arnold und Jonas Rosenbrück, beide Schüler der 13. Klasse, die Fragestunde. Ein Top-Thema war der Atomausstieg: „Wir müssen eine Welt ohne Kernenergie erfinden”, erklärte Töpfer, denn er sehe „nicht die Kapazität, sie wirklich sicher zu betreiben”. Auf ein festes Datum zum Ausstieg wollte er sich allerdings nicht festlegen.
Auch die Verknüpfung von Klima- und Wirtschaftskrise bewegte die Schüler. Töpfer erklärte, dass er einen „Green New Deal” in Anlehnung an den „New Deal” Roosevelts befürworte. Nur dürfe man ihn nicht so nennen, weil sonst keiner wisse, was damit gemeint sei. „Sag einfach, du willst beide Krisen mit einer Klappe schlagen, das versteht jeder”, meinte Töpfer.
Generell setzt sich der Umweltpolitiker für die Entwicklung geschlossener Rohstoff-Kreisläufe ein. „Wo immer ich Abfall sehe, weiß ich: Da haben wir noch nicht genug geforscht.” Er erklärte, dass die Schweiz bereits kupferautark sein könnte, wenn sie alle Abfälle wiederverwertete. Töpfers Traum sei, dass auch das berüchtigte Kohlenstoffdioxid irgendwann als Wertstoff genutzt werden kann.
Den Salemer Schülern gab der Umweltpolitiker zum Schluss einige Ratschläge an die Hand: Es reiche nicht, sich bloß über die Politiker zu beklagen. Nur die aktive Mitarbeit engagierter Menschen könne dazu beitragen, dass nachhaltige Politik auch dann populär ist, wenn sie kurzfristig Nachteile mit sich bringt. „Nur wählen reicht da nicht aus”, erklärte Klaus Töpfer.
Schwäbische Zeitung. 25.03.2010