17.11.09
Mitte Oktober hieß es für sechs von uns Salemer Schülern sowie zwei begleitende Lehrer und unsere Schulleiterin Frau Haberfellner: Auf nach Indien!. Doch was uns dort wirklich erwarten und wie uns diese Zeit verändern würde, das wussten wir nicht.
Zunächst einmal stand uns nur eine sehr lange Reise bevor, bis wir im indischen Ajmer ankamen, wo zu Beginn des Aufenthaltes eine Round Square Konferenz stattfand. Round Square ist eine Organisation, der weltweit über 70 Schulen angehören. Alle haben den Auftrag Spenden zu sammeln, die dann für einen guten Zweck eingesetzt werden. Außerdem bekommen Schüler die Möglichkeit an Hilfsprojekten teilzunehmen, wie auch wir Eines im Anschluss an die Konferenz unterstützt haben.
Während der Konferenz lebten wir in einem indischen Internat, dem Mayo College, welches zur Elite Indiens gehört. Das Gelände ist riesig, ausgerüstet mit unzähligen Sportfeldern, wie für Kricket, Polo, Fußball oder Golf.
Bei fünf Mahlzeiten am Tag, viel Programm und einer Vielzahl von Bediensteten hätte man leicht vergessen können, in welchem Land man sich befindet, wenn es nicht einige Bettler am Straßenrand vor dem Eingangstor des ansonsten abgeriegelten Geländes gegeben hätte. Trotzdem haben wir in den fünf Tagen am Mayo College nichts von der Armut und den wirklich herrschenden Verhältnissen in Indien mitbekommen, wie wir später erfahren sollten.
Nach der hochquarätige Konfernz, in der uns immer wieder erzählt worden war, dass Indien eine der fortschrittlichsten Demokratien sei, reisten wir weiter ins nord-östliche Varanasi. In der Millionen-Stadt am Ganges fand unser Projekt im Schutzhaus für sozialschwache Kinder statt. Sozialschwach, das bedeutet in Indien verwaist, verlassen, misshandelt, krank und ohne jede Perspektive auf ein glückliches Leben. Wir haben in dieser Zeit nicht nur Armut und Elend gesehen, sondern sie auch an Einzelschicksalen konkret miterlebt und versucht, zumindest ein wenig zu helfen.
Der Name unseres Projekts lautet „Kutumb“, das ist das Hindi-Wort für „Familie“. Dieser Begriff ist nicht nur eine Beschreibung, sondern Alltag im Schutzhaus. Etwa 20 Kinder, im Alter von 2 bis 14 Jahren leben in einem kleinen Haus, das am Rande des Bahnhof-Slums gelegen ist, zusammen mit einem indischen Arzt und seiner Frau, die diese Initiative gegründet haben. Den Kindern wird Zuflucht, Nahrung und Unterricht geboten, sowie die Chance, aus dem Teufelskreis der Aussichtslosigkeit heraus zu kommen und später vielleicht sogar ein selbstständiges, gutes Leben führen zu können.
Tief bewegend war schon der allererste Tag, da wir die Gelegenheit hatten, Diwali, das höchste Fest der Hindus, mit den Kleinen zu feiern. Die Freude, die die Kinder mit uns teilten, war die ehrlichste und reinste, die ich bisher gesehen habe und das, obwohl die meisten schreckliche Geschichten zu erzählen haben.
Sunny, 14, dessen Bruder Drogendealer und HIV-infiziert ist.
Schriady, 12, die an Polio erkrankt und ab der Hüfte gelähmt ist.
Moharn, 9, dessen Mutter Prostituierte ist und nicht genug Geld verdient, um ihren Sohn zu ernähren.
Mansi, die bettelnd am Bahnhof gefunden wurde, misshandelt, verstoßen.
All diese Kinder bekommen eine neue Chance bei Kutumb. Außerdem noch etwa 80 weitere Kinder, die in dieser Einrichtung täglich Unterricht in English, Mathe und Hindi erhalten. Auch Slum-Frauen bekommen durch Nähkurse die Möglichkeit, selbst etwas Geld zu verdienen und so Selbstvertrauen und Lebensqualität zu gewinnen.
Da alle Beteiligten höchst motiviert waren, konnten wir in der kurzen Zeit viel errreichen: zum Beispiel alle Wände streichen und kinderfreundlich gestalten, sauber machen und damit wichtige Hygienegrundsätze vermitteln, die für uns selbstverständlich sind, der gelähmten Schriady einen Rollstuhl schenken oder mit allen Kindern, die sonst das Gebäude nicht verlassen können, einen Picknick-Ausflug machen.
Trotz dieser Erfolge haben wir immer wieder sehen müssen, wie erbärmlich die Umstände im Land sind. Es gibt keine Trinkwasseraufbereitung, was bedeutet, dass das Leitungswasser aus ungefiltertem Grundwasser besteht. Wenn man dabei noch bedenkt, dass es keinerlei Müllentsorgungssystem gibt und jeder Abfall auf die Straße geworfen wird, wundert man sich weniger über die vielen Krankheiten, die unter der indischen Bevölkerung herrschen. Jeden Tag sahen wir, wie Kühe, Schweine und Ziegen, ohne Besitzer, in der Innenstadt zwischen dem Müll lagen, ihn fraßen oder durch ihre Exkremente vermehrten. Direkt daneben haben Menschen ihre Stände oder gar Nachtlager aufgeschlagen.
Oft begegnet man Bettlern, verstümmelten, leprakranken oder solchen, die ein schon totes Kind im Arm halten.
Wie geht man mit dieser Misere um?
Wir in Deutschland sehen so Vieles als selbstverständlich an, wir ärgern uns, wenn das Internet mal wieder nicht schnell genug funktioniert oder wenn die Ampel direkt vor uns auf rot springt. Doch sind diese Banalitäten es wirklich wert, dass man sich darüber aufregt? Wenn man bedenkt, dass so viele Menschen morgens nicht einmal wissen, ob sie am kommenden Tag etwas zu essen finden werden?
Mich hat diese Reise Einiges gelehrt. Zum Beispiel, dass man die Dinge, die einem gegeben sind, viel mehr zu schätzen wissen sollte. Außerdem habe ich gelernt, dass arm sein nicht bedeutet, kein Geld zu haben, und dass reiche Menschen, oft ärmer sind als solche, die nichts besitzen. Auch daran sollten wir uns in Salem des Öfteren erinnern. In Varanasi habe ich viele arme Leute getroffen, die trotz ihrer Lebensverhältnisse glücklich sind und sich von Herzen freuen können, über kleine Geschenke ebenso, wie über Aufmerksamkeit und Zuneigung. Schon kleine Gesten und geringe Aufwendungen können hier Großes erreichen.
Katharina Czerwensky, 13. Klasse
Spenden-Konto: Nr. 213 22 98, BLZ: 690 517 25 bei der Sparkasse Salem-Heiligenberg
Kontakt-Adresse: Kutumb- Familie für Benares, Indien e.V., Neufracher Str. 1, 88682 Salem