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“Die Götter sind zufrieden!“ - zehn Jahre Projekte zur Antike auf dem Hohenfels

Das Troja-Projekt ist Ausdruck einer inzwischen über zehn Jahre alten Hohenfelser Tradition. Seit dem ersten Römerprojekt im Schuljahr 1991/92 hat fast jede siebte Klasse “ihr” Projekt gehabt. Die Themen waren vielfältig: von den olympischen Spielen über die Gründung einer römischen Stadt bis hin zu einem “Wahlkampf” griechischer Götter. Die griechisch-römische Antike kristallisierte sich unter anderem deshalb als Bezugspunkt heraus, weil sie eine Fülle von Zugängen für verschiedene Fächer und Klassenstufen ermöglicht.

 

Zwei angesehene Preise hat der Hohenfels für seine Projekte seither bekommen: 1995 den ersten Preis der Initiative “Praktisches Lernen” und 2001 den ersten Preis im bundesweiten Schola-21-Wettbewerb, den die Deutsche Kinder und Jugendstiftung zusammen mit der Stiftung Mercator ausschrieb (Näheres zu diesem Wettbewerb: www.schola-21.de). Was macht die Besonderheit dieser Projekte aus, die inzwischen geradezu als ein Unterrichtsschwerpunkt des Hohenfelses gelten können?

 

 

Ein kleiner Erfahrungsbericht.

Der Antike Leben einhauchen

“Den Zorn singe, Muse, des Peleussohnes Achilleus ... .” Ein erstaunlicher Anblick bot sich Besuchern des Hohenfelses Ende des vergangenen Schuljahres. Im Burghof standen alle Kinder der Unterstufe in einem großen Kreis rings um die Kastanie und rezitierten auswendig die ersten 300 Verse von Homers Ilias: Jeder konnte 2 Verse auswendig, und das fast 3000 Jahre alte Gedicht wanderte langsam von Schüler zu Schüler, von Klasse zu Klasse. Dieser Auftritt war Anfang des Trojaprojektes und Ergebnis einiger Wochen, in denen sich alle Klassen mit Troja und den Sagen um den Trojanischen Krieg beschäftigt hatten. Die einen hatten sich über die derzeitigen Ausgrabungen informiert, die anderen sich in einen der Helden oder Götter hineingedacht, Bilder gemalt, Geschichten verfasst und nicht zuletzt: unzählige Schwerter und Speere gefeilt, geschnitzt, liebevoll bemalt. Die Geschichts-AG unter Frau Halbauer hatte der Antike Leben eingehaucht.

 

Das Trojanische Pferd

Nach der Rezitation geht es richtig los. Die Rahmenhandlung nahm ihren Lauf: Kaiser Hadrian (Herr Meister) mit seinem Gefolge - Gesandten aus allen Provinzen des Römischen Reiches (Klasse 5) - besucht 130 nach Christus die Stadt Troja (Hüttenplatz). Dort führen die Bürger der Stadt ihm zu Ehren die alten Geschichten auf: Die Griechen (Klasse 8) überlisten die Trojaner (Klasse 7 und 6) mithilfe des Trojanischen Pferdes. Die Götter umkreisen das Geschehen. Kassandra (Lindis Kipp, Klasse 8) kommentiert und erläutert das Geschehen.

 

Andromache im Regen

Nach den Kämpfen (“Das war viel zu kurz!!!”) führen Schüler der Klasse 11 und 12 unter der Regie von Herrn Dorn Szenen nach Homer und ein Stück aus den “Troerinnen” des Euripides auf: Der Trojaner Hektor verabschiedet sich von seiner Frau Andromache. Nach seinem Tod beklagt sie ihr Schicksal. Spätestens hier wird dem nachdenklichen Besucher klar, dass die über Jahrtausende überlieferten Texte mehr enthalten als Heldenruhm und Kriegsgetön. Dass ein Dichter die Frau des besiegten Feindes zur Heldin einer Tragödie macht - das ist eine der Besonderheiten griechischer Literatur, die es rechtfertigen, sich heute noch damit zu beschäftigen. Ob die Hohenfelser das gemerkt haben? Jedenfalls fragte ein Mädchen vor dem Projekt, ob der Abschied von Hektor und Andromache auch vorkäme. Das sei ihre Lieblingsszene. Die Aufführung der Salemer wurde durch den zunehmenden Regen zwar akustisch, nicht aber in ihrer Intensität beeinträchtigt. Andromache mit durchweichten Kleidern im Schlamm kniend und der Chor der Troerinnen, der tapfer seine griechischen Verse dem Regen entgegenschrie - diese Bilder werden vielen in Erinnerung bleiben.

 

 

Eigenverantwortlichkeit und intensive Begleitung durch Erwachsene

Die Schüler sind gerade in den letzten Jahren oft die Initiatoren solcher Projekte gewesen und haben vieles völlig selbstständig entwickelt. Dies bedeutet aber nicht, dass sich die Erwachsenen zurückziehen. Intensive Überlegungen vor und während der Projekte, inhaltliche und praktische Unterstützung sichern den sachlichen Anspruch. Das Internat mit seinen Ressourcen an Zeiten und Räumen und der Anwesenheit vieler Erwachsener “rund um die Uhr” erweist sich dabei als idealer Rahmen.

 

Freies Spiel und Begegnung mit dem Original

Die Homerrezitation im Burghof war beispielhaft für ein weiteres Prinzip: die Begegnung mit dem historischen Original - Text, Gegenstand oder historischer Ort - gerade auch in seiner Sperrigkeit. Sie ist der eine Pol unserer Projekte, der zum anderen, dem freien identifikatorischen Spiel, in spannungsvollem Gegensatz steht. Dazwischen kann sich historisches Lernen entfalten. Der Zwölfjährige, der als trojanischer Held auf dem Hüttenplatz kämpft, entwickelt eine Beziehung zu den Versen des Homer - und das Spiel gewinnt dadurch eine neue Bedeutung.

 

Miteinander von Kleinen und Großen, von Schülern, Eltern und Lehrern

Obwohl der Schwerpunkt der Projekte die Unterstufe ist, waren doch fast immer auch ältere Schüler beteiligt - als Schauspieler wie im Troja-Projekt, als betreuende Mitspieler oder durch das THW beim Palisadenbau. Dabei konnten die Kleinen von den Großen profitieren und umgekehrt. Eine andere Ausweitung des Horizonts bedeutet die Einbeziehung außerschulischer Beteiligter - engagierter Eltern zum Beispiel für den Bau des Trojanischen Pferdes.

 

Verankerung in Unterricht und Internat

Schließlich sei noch einmal die besondere Qualität hervorgehoben, die die Internatssituation ergibt. Zeitliche und räumliche Bedingungen erlauben es, die Projekte weit über das an öffentlichen Schulen Mögliche auszuweiten - ohne dass dabei zuviel Unterrichtszeit verschluckt wird. Die Nähe der beteiligten Lehrer ergibt eine enge Zusammenarbeit von Fächern und Klassenstufen.

Nicht zuletzt unterstützte die Internatssituation die Entstehung einer Sogwirkung, der oft erst die eigentliche Kraft der Projekte ausmachte: Wenn die ganze Schule vom Fieber der Wahl zwischen Zeus, Athene und Poseidon gepackt ist, wenn es “peinlich” wird, die Namen Achilleus, Hektor und Homer nicht zu kennen, oder wenn alle als Athener und Spartaner im Fünfkampf gegeneinander antreten, dann sind das Lernsituationen, wie man sie sich besser nicht vorstellen kann.

 

Nachtrag: der Preis

Das Hohenfelser Projekt „C.V.A.S. Eine römische Stadt am Bodensee“ wurde im Sommer 2002 durch die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung ausgezeichnet. Im Rahmen des Wettbewerbs „SCHOLA 21. Vorhang auf, Projekte raus“ erhielt C.V.A.S einen Ersten Preis, den Susanne Halbauer mit Benjamin Find, Lennart Schmedding und Tristan Paulus am 17. Juni in Berlin aus der Hand von Christina Rau entgegennahm.

 

 

(Text: Dr. Dorothee Seydel)